Arbeitsblatt Fremdartige anatomische Wildnis: "Sie haben die Leichname deiner Knechte den Vögeln unter dem Himmel zu fressen gegeben und das Fleisch Deiner Heiligen den Tieren im Lande", 2005

Arbeitsblatt Fremdartige anatomische Wildnis: "Wenn wir diese Linie entlang gehen, wissen wir nicht, ob wir es bis zum Basislager schaffen werden", 2005

Arbeitsblatt Fremdartige anatomische Wildnis: "Manchem mißrät das Leben, ein Giftwurm wird sich dann in sein Herz fressen", 2005

 
Alexander Christoph Sterzel zeigte in der Stuttgarter Galerie ZeroArts im April 2004 die Ausstellung „Montierte Wirklichkeiten“. Knapp zwei Jahre später ist er wieder zu Gast in der Galerie  mit seiner Serie „Fremdartige anatomische Wildnis“.

Um es für den Betrachter verständlich zu machen…worin unterscheiden sich die Arbeitsblätter „Fremdartige anatomische Wildnis“ zu den bereits im Jahre 2004 gezeigten „Montierten Wirklichkeiten“?

Alexander Sterzel: Die „Anatomische Wildnis“ ist die Weiterentwicklung und logische Schlussfolgerung der „Montierten Wirklichkeiten“. Die so genannten „Totenbilder“, „Heiligenbilder“ und meine „Schmerztücher“ haben sich in der „Wildnis“ vereint. Und glücklicherweise gab es dabei nahezu erleuchtende Momente, die mir neue Wege aufgezeigt haben wie ich die Zusammenhänge des Lebens in visueller Form festhalten kann. Bei den „Montierten Wirklichkeiten“ dominierte noch zu sehr der menschliche Körper als auch die erotische Darstellung. Die neuen Arbeitsblätter sollten eher als eine Versinnlichung des Geistes und der Gedanken verstanden werden.

In der auch die Sprache und die Schrift ihren Raum findet.

Alexander Sterzel: Natürlich, da Sprache und Schrift zur menschlichen Kommunikation gehören. Ich habe diese Art der visuellen Poesie schon vor über 10 Jahren für meine Arbeit entdeckt und bin noch einen Schritt weiter gegangen und versuchte selbst in mathematischen Gleichungen eine Poesie herauszulesen.

   Und vor allem als ich das Werk „Organüberpflanzung und ihre praktische Verwendung beim Haustier“ von Dr.Sergius Voronoff aus dem Jahr 1925 in die Hände bekam, versuchte ich diese Organüberpflanzung der experimentellen Chirurgie gedanklich zu erweitern und diese auf die psychologische und emotionale Ebene zu übertragen. Das wucherte dann immer mehr aus, da mein Arbeitsmaterial vorwiegend aus alten Röntgenaufnahmen und Operationsanweisungen und aus einer Vielzahl von alten schwarz/weiß Fotos bestand.

Auch mein Literaturfundus hat sich dann in dieser Zeit sehr erweitert. Oftmals entwickelt sich eine merkwürdige Eigendynamik. So stieß ich in der gleichen Zeit auf einen Satz von Dostojewskij „ Der Mensch ist ein Geheimnis. Ich beschäftige mich mit diesem Geheimnis, denn ich will ein Mensch sein.“, was zunächst dazu führte, dass ich mich mehr mit Dostojewskij beschäftigte als mit den Arbeitsblättern mit denen ich gerade begonnen hatte.

Dostojewskij galt als Menschengestalter und Gottsucher. Ein gläubiger Mensch aber immer auch am Zweifeln. Du verwendest vermehrt auch christliche Symbole und sogar Psalme werden auf die Arbeitsblätter geschrieben. Inwieweit spielt die Spiritualität dabei eine Rolle?

 

Alexander Sterzel: Wenn wir einen kunstgeschichtlichen Rückblick vornehmen, sehen wir zunächst nur christliche Motive.

Ich habe nahezu 20 Jahre lang eine fast atheistische Einstellung vertreten. Die Gottfrage aber war für mich während der ganzen Zeit niemals geklärt auch wenn ich die Auffassung vertrat, dass Gott vom Menschen erschaffen worden ist. Das Gegenteil gilt es zu beweisen. Die Frage ob Gott existiert oder nicht ist aber keine Frage der Beweise. Es ist eine Frage des Glaubens. Natürlich kann man auch an etwas glauben, das es nicht gibt. Nietzsches Übermensch schien mir die beste aller Vorstellung zu sein. Aber ganz zufrieden gestellt hat mich dies auch nicht unbedingt. Wenn man aber auf seiner künstlerischen Reise dem Leid, dem Schmerz, der Verzweiflung begegnet wird man unausweichlich auch früher oder später auf die Via Lacrimosa stoßen. Jedoch möchte ich mich dadurch nicht als religiöser Künstler verstanden wissen. Es gehört einfach zu meiner Suche. Vielleicht auch zu meiner Gottsuche, denn, Zarathustra ist das Werk eines Verlassenen, sich selbst überlassenen Menschen. Und was so furchtbar wäre, gäbe es keinen Gott: Die Menschen wären allein auf der Erde.

 

Du hast während der Arbeit an den Blättern auch damit begonnen wieder mit Öl zu arbeiten. Deine Tafelbilder zwischen 1995 und 1998 sind wohl bekannt. Die von 2005 werden zum ersten Mal gezeigt.

 

Alexander Sterzel: Nach einer Pause von sieben Jahren war das erste Bild das ich anfing die reinste Katastrophe. Aber ich fand die kleinen Arbeitsblätter so spannend, dass ich damit auf die Leinwand gehen wollte. Allerdings habe ich in den sieben Jahren wohl doch reichlich viel im Umgang mit Öl vergessen. Es ist aber wie mit dem Schlittschuhlaufen, nach kurzer Zeit geht es wieder. Ich freue mich natürlich darauf sie in Stuttgart zum ersten Mal zu zeigen.

 

Wir sehen die Arbeitsblätter und die Ölbilder. Gibt es einen kleinen Auszug von Fotografien zu sehen?

 

Alexander Sterzel: Eine interessante Entwicklung zum Thema Fotografie habe ich in diesem Zusammenhang erfahren. Es ist ein Projekt mit dem Titel: "Phase IV - Recycled and Wounded Photography". Vielleicht die extremste Auseinandersetzung mit dem Menschen überhaupt in meiner Arbeit. Es sind alte Fotografien, meistens Portraits, aus dem 1.Weltkrieg. Verwundete, verletzte und entstellte Soldaten. Diese Bilder haben mich fasziniert und abgestoßen in einem Atemzug. Ich habe sie dann erneut fotografiert und digital bearbeitet. Im Prinzip tritt die körperliche Verletzung in den Hintergrund, obgleich diese auf den ersten Blick der Hauptbestandteil der Bilder zu sein scheint. Sie sind aber komplett übertragbar in die heutige Zeit. HIV-Infizierte in der Endphase oder einfach nur zerfetzte Seelen. Ich hatte vom  "Stuttgarter Fotosommer" eine Einladung erhalten mich 2005 zu beteiligen. Leider war ich zu diesem Zeitpunkt noch in der Entwicklungsphase. Vielleicht vergeben mir die Kuratoren meine Ignoranz und ich kann sie zusammenhängend bei der nächsten Ausstellung in Stuttgart präsentieren. Eine japanische Galerie hat Interesse signalisiert. Vielleicht findet dann die Premiere von "Phase IV." in Japan statt. Für die Galerie Zaiß will ich mich voll und ganz auf die "Wildnis" konzentrieren. Das ist so viel Stoff, da hat man lange genug zu knappern.