Interview mit

Alexander Sterzel

 

von

Michael Dettenberger

Succubus Magazin for Underground Culture Juni 2006

Alexander, wie lebt es sich als Künstler in der heutigen Zeit?

Wenn du nicht zu den ersten Zehn auf dem Kunstmarkt gehörst lebt es sich ökonomisch betrachtet eher schlecht. Wenn man aber frei arbeiten kann lebt es sich zumindest mental ganz gut.

 

Deine Arbeiten definieren sich durch deine These, dass alle Kunst vom Fleische ausgeht. Kannst du diese These einmal näher erläutern?

 

Für mich war schon immer der Mensch Maßstab aller Dinge. Das Fleisch – damit meine ich das Menschliche – ist der Ausgangspunkt für meine Arbeit. Ich beschäftige mich also zunächst nicht mit Räumen oder Farben, sondern lege den Schwerpunkt auf menschliche Zustände oder auch Ausnahmezustände. Darauf baue ich alles andere auf.

 

Gab es für dich einen bestimmten Auslöser, der dich zum Kunstschaffenden werden ließ?

 

Es mag ganz einfach klingen: Es war ein Buch über die Arbeiten von Otto Dix, welches ich mit 14 Jahren geschenkt bekam.

 

Kannst du dich noch an deine ersten Arbeiten erinnern?

 

An eine der ersten in Öl zumindest. Ich muss so um die 15 Jahre alt gewesen sein, als ich anfing mit der Ölmalerei. Ich ging hochkonzentriert zur Sache, als plötzlich meine Mutter hinter mir stand und mir Vorwürfe machte, weil ich meine neue Hose bereits mit Farbe versaut hatte. Dies endete in einem Disput und vor lauter Wut knallte ich mit dem Pinsel unkontrolliert einen Farbklecks auf die Leinwand und aus diesem entstand ein Gesicht. Ich zeigte es später meinem Kunstlehrer und dieser meinte, es stecke da sehr viel Aggression in diesem Bild. Ich war sehr überrascht, woher er das bloß wusste.

 

 

Deine Bilder haben etwas märchenhaft – unheimliches. Eine Mischung aus Engel, Kobolden, Gespenster und düsterer erotischen Phantasien verschmolzen auf Leinwand und Fotopapier. Entspricht das deiner Vorstellung von provokanter Kunst?

 

Als ich mit der Malerei anfing, und sich dann schnell viele Menschen durch die Darstellungen in meinen Bildern provoziert fühlten, dachte ich mir, ich bin auf dem richtigen Weg. Ich habe mich allerdings nie als provokanten Künstler verstanden. Mir wurde lediglich immer von Dritten die Provokation attestiert. Eigentlich mache ich nur die Dinge, die ich für interessant halte. Für Märchen, Mythen und Träume hatte ich immer eine Schwäche. Und vor einigen Jahren lernte ich einige  Menschen kennen, die sich mit „düsterer Erotik“ – wie Du es nennst - beschäftigen. Das Thema fand ich spannend und ich habe versucht die Verbindung zwischen Schmerz und Lust in meinem fotografischen Werk zu reflektieren. Und was die gesellschaftlichen Tabuthemen – dazu zähle ich auch Tod, Verletzung, Schmerz und Leid – anbelangt, so  hatten diese für  mich schon immer einen hohen Stellenwert in meiner künstlerischen Arbeit.

 

Bei deinen früheren Fotoarbeiten hast du dich stark von der Gothic – Fetsich Szene inspirieren lassen. Was hat dich an dieser Szene fasziniert?

 

Ich habe mich schon immer mehr für die Randgruppen interessiert als für den Mainstream. Die ersten Modelle mit denen ich gearbeitet habe kamen eben aus diesem Bereich. Ich entdeckte, dass ich es da mit ganz zarten und zerbrechlichen Wesen zu tun habe und diesen wollte ich in meinen Fotoarbeiten eine strahlende Erscheinung verleihen. Zudem zählt der Schauspieler und Frontman der Gruppe „Tors of Dartmoor“ Rüdiger Frank zu meinen besten Freunden. Mit ihm arbeite ich in den unterschiedlichsten Bereichen zusammen.

 

In der Kunstszene bist du in den verschieden Bereichen Malerei, Fotografie, Musik und Theater tätig. Würde dir nicht eine Kunstrichtung genügen um dich kreativ auszutoben?   

 

Nein. Ich bin sehr dankbar über die Talente die ich besitze und ich würde dem, der sie mir geschenkt hat nicht gerecht, wenn ich sie nicht auch alle einsetzen würde. Zudem geschieht es, dass ich dann in einer Sparte für einige Zeit nicht mehr weiterkomme und ich kann auf ein anderes

 Medium wechseln. So kann es sein, dass ich einen Sommer lang nur komponiere und den Winter über male. Aber meistens läuft das alles parallel und ist daher oft auch etwas chaotisch.

 

Deine aktuelle Ausstellung in der Stuttgarter Galerie „Zero Arts“ trägt den Titel „Fremdartige anatomische Wildnis“. Kannst du etwas mehr zu diesem Titel und den gezeigten Arbeiten verraten?

 

Es handelt sich um die Suche nach der Wahrheit zwischen Schmerz, Religion, Wissenschaft und Fiktion, wie es einmal ein mir wertvoller Mensch beschrieb. Die Zusammenhänge des Lebens sollten in visueller Form festhalten werden. Ich stieß auf ein Buch, das sich mit Organverpflanzungen beschäftigte. Ich wusste, dass ich nur versuchen muss, diesen medizinischen Vorgang auf die psychologische und emotionale Ebene in Form von Bildern zu übertragen. Es ist eigentlich der Versuch der Wahrheit und der Welt näher zu kommen.

 

Als Künstler über die eigenen Arbeiten zu sprechen und sie zu erklären ist sicherlich nicht immer leicht, aber auch ein wichtiger Teil des Kunstbetriebes. Wie gehst du mit diesem Teil des Künstlerdaseins um?

 

Da ich in anderen Funktionen ständig mit Künstler aus den unterschiedlichsten Bereichen arbeite ist es zunächst nichts außergewöhnliches etwas über die Kunst von anderen zu schreiben. Aber über die eigene Arbeit zu schreiben ist wirklich nicht einfach. Insofern bin ich immer froh darüber, wenn das andere für mich übernehmen. Doch der Künstler von heute kann nicht nur Kunst machen, er muss sich wie ein kleines Unternehmen um alles kümmern.

 

„Gute Kunst muss Provokant sein!“ Wie stehst du zu dieser Aussage?

 

Provokante Kunst muss nicht zwangsläufig gut sein. Der Holzhammer ist nicht immer der richtige Weg. Manchmal ist das Leise und fast Unscheinbare und eben auch nicht Provokante die besser Alternative um Dingen einen Ausdruck zu verleihen.

 

Kannst du uns noch einen kleinen Ausblick auf deine nächsten Projekte geben?

 

Ich wurde von verschiedenen Ensembles im Musik und Theaterbereich gebeten, die Dramaturgie zu übernehmen. Da ich so was schon lange nicht mehr getan habe, freue ich mich natürlich darauf. Es macht manchmal auch Spaß in einer Gruppe zu arbeiten. Man steht nicht im Mittelpunkt sondern trägt durch einen kleinen Teil dazu bei, ein Gesamtkunstwerk zu erschaffen.

 

Besten Dank für das Interview und weiterhin viel Erfolg mit deinen Arbeiten!